Wenn man einen Eintrag schreibt, in dem das Wort "Kanal-Agnostiker" vorkommt, kommt man sich schon ein bischen schräg vor. Den Begriff kurz gegeoogelt und schon hat man ein Resultat: Jean-Paul de Clerck verwendete den Begriff erstmals auf seiner CRM-Seite. Hut ab!
Und was meint der Begriff genau? In meinem Kontext geht es darum, daß ein Kunde im Jahr 2012 nicht mehr unterscheidet zwischen dem Angebot von Händlern im Markt und Online. Der Kunde erwartet die identische Auswahl über jeden Kanal. Also verhält sich der Kunde gegenüber den Lieferwegen (= Kanälen) agnostisch. Schwerer Stoff.
Nach einer Studie von Prof. Gibson an der Auburn Universität (Alabama) bieten in den USA nur 18% aller untersuchten Händler ein über die Vertriebskanäle identisches Sortiment an. Allerdings sagen 85% aller Befragten, daß sie genau dies erwarten. In Folge werden sich die Geschäftsmodell stationär und online auch im europäischen Geschäft Zug um Zug immer weiter annähern.
Macy's ist mit 805 Warenhäusern und einen Umsatz von 24 Mrd. $ eines der bekanntesten Warenhäuser der USA. In einem neuen Service bietet Macy's nun an, daß Produkte, die im besuchten Warenhaus nicht in der gewünschten Größe oder Farbe verfügbar sind, bestellt und nach Hause geliefert werden können. Eigentlich wenig spektakulär. Macy's wählt jedoch den Weg, daß die Ware von einem anderen Macy's geliefert wird und zwar von demjenigen, der von genau diesem Produkt noch den höchsten Bestand hat. Das ist auch ein interessanter Weg, um pyhsikalisch verteile Warenbestände per Internet zu einem einzigen virtuellen Warenbestand zusammen zuschalten. Die Reichweite sinkt und Unwuchten in den Beständen werden elegent ausgeglichen.
Tesco betrat mit seinen Dark Stores schon vor zwei Jahren logistisches Neuland in Großbritannien. Die Idee ist einfach. Man nehme einen normalen Supermarkt-Würfel, baue diesen innen normal aus, lasse allerdings die Kasse weg und ersetze diese mit Packplätzen. Das Konzept hat viele Vorteile - nur Kunden dürfen sich nicht darin verlaufen....
(c), Kamcity, Kamblog
Als Lebensmittelhändler muß Tesco seine Supply Chain für die unterschiedlichen Warenströme nicht verändern (trocken, frisch, gekühlt usw.) und kann seine Dark Stores direkt an eine Autobahnabfahrt setzen. Von dort aus kann nun eines der 2.000 Auslieferungsfahrzeuge die umliegenden Wohngebiete beliefern. Tesco-Mitarbeiter können mit nur geringer Einarbeitung flexibel auch in Dark Stores eingesetzt werden, weil sie die Arbeitsläufe bereits kennen. Und zum Schluß kann man auch noch den Salatkopf oben auf die Plastikwanne zur Auslieferung legen und dieser kommt frisch beim Kunden an.
Tesco wollte von diesem Typ Markt je 1 pro Woche eröffnen. Sachdienliche Hinweise über die tatsächlich erreichte Stückzahl werden gerne entgegen genommen. Den ersten Dark Store gab es in Croydon, Sussex. Pro Tag werden etwa 1.000 Auslieferungen pro Dark Store kommissioniert. Tesco verzeichnete 2010 ca. 500.000 Online-Bestellungen für Lebensmittel in der Woche.
In manchen Branchen hat der eCommerce-Anteil 20% vom Umsatz erreicht mit der Tendenz zu weiterem Wachstum. Im Gegenzug sieht man entlang mancher Autobahnen die Logistik-Zentren wachsen, von denen nun der Versand an die Kunden erfolgt. Man meint, das sei ein alter Hut und schon vor 30 Jahren erfolgreich von Quelle oder Otto umgesetzt worden. An einer paar Stellen aber unterscheidet sich die eCommerce-Logistik:
• das Warenangebot online ist um ein Vielfaches größer als jemals in allen gedruckten Katalogen. Entsprechend steigt der Fächenbedarf für Lagerung und Auslieferung
• die Anzahl der Transaktionen nimmt stark zu und damit auch die Anzahl an Bewegungen, die in solchen Logistik-Zentren abgewickelt werden muß
• entsprechend wird in dieser Branche sehr viel Personal eingestellt. Um die Dynamik zu kompensieren, wird viel Geld in Fördersysteme gesteckt, um die Durchlaufzeit von Ware durch ein Logistik-Zentrum zu investieren. Automatisierte Hochlager gelten als Kathedrale des Supply-Chain-Management.
Man könnte natürlich auch das komplette System auf den Kopf stellen. Wie wäre es denn, wenn man die Menschen an den Entlade- und Packstationen stehen lässt und ihnen die immer länger werdenen Wege zwischen den Regalen erspart und stattdessen die Regale in Bewegung setzt und zu den Menschen bringt. Kiva Systems aus Boston, Mass. zeigt im Video, wie man mit einer ganzen Roboter-Armee einem ganzen Regalsystem Beine machen und in Bewegung setzen kann.
Ein Mensch sollte besser kein Bein mehr auf die Roboter-Tanzfläche stellen, die sich auf tausende von Quadratmetern ausdehnen Durch den Entfall der Laufflächen kann auch viel mehr Ware auf der vorhandenen Fläche konzentriert werden. Im Marketing sagt Kiva, dass sich damit die Produktivität der Mitarbeiter im Logistik-Zentrum um den Faktor 3 erhöht. Auf der Gegenseite muss man viel Kapital für die Roboter, das Blech und vor allem für die Entwicklung der Steuerungslogik investieren, die danach auch noch von Experten bedient werden will. Die Folgen sind klar: höhere Produktivität, fallende Preise mehr Experten.
Am 20.3.2012 kaufte Amazon Kiva Systems für 775 Mio. US-$ und sicherte sich damit einen langfristigen Wettbewerbsvorteil.